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Outlook: Herr Prof. Hegger, Herr Prof. Mäckler, wie sehen Sie die Zukunft des Bauens, was sind die wesentlichen Handlungsfelder?

Prof. Manfred Hegger Wir wissen heute, dass der Gebäudesektor der größte Energieverbraucher und CO2-Emittent ist. Von allen Wirtschaftszweigen verbraucht er die meisten natürlichen Ressourcen und erzeugt einen Großteil des Abfalls. Dieses Wissen muss und wird in den nächsten Jahren in Handeln umgesetzt werden: in Nachhaltiges Bauen. Dieses Schlagwort ist allgegenwärtig. Nun ist es in seiner ganzen Breite mit Inhalt zu füllen. Es bedeutet zunächst eine neue Planungskultur, eine bessere Vernetzung aller Handelnden in Planung, Bau und Nutzung. Neue Allianzen sollen die Produkte der Planung verbessern: sie langlebig und zukunftsfähig machen, ressourcenschonend, energiesparend und nutzergerecht. Dies ist eine ganzheitliche und anspruchsvolle Aufgabe. Kurz gesagt: Ganz wesentliche Handlungsfelder sind, dass wir unser Bauen langlebiger machen, dass wir es energieeffizienter machen, dass die Menschen, die in unseren Häusern arbeiten und wohnen, sich wohl fühlen. Und wir haben uns im Städtebau auch damit zu beschäftigen, dass wir das Gesamtgefüge der Stadt zukunftstüchtiger machen, was den Verkehr anbelangt, was die Infrastruktur anbelangt.

Prof. Christoph Mäckler Ich glaube, wir müssen den Begriff der Dauerhaftigkeit einführen im Bauen, damit wir den nächsten Generationen auch etwas mitgeben können von dem, was wir heute schaffen. Und wir müssen uns mit unseren Städten, unserem Baubestand auseinandersetzen. Wir bauen heute „energieoptimiert“ um fast jeden Preis, so wie wir in den 60er/70er Jahren autogerecht bauten. Dabei stand damals wie heute nicht der Mensch, sondern nur die Technik im Mittelpunkt. Technik aber muss dem Menschen dienen und darf ihn nicht bestimmen und in seiner Lebensqualität einschränken. Ein Hightech-Nullenergiehaus beispielsweise mag für die Wissenschaft von Bedeutung sein, nicht aber für den täglichen Gebrauch. Die Forschung muss sich stärker an unseren Problemen orientieren. Die großen Wohnungsbaugesellschaften in Deutschland können mit Hightechlösungen wenig anfangen, weil sie vor allem einen Gebäudebestand zur ertüchtigen haben. Hier aber bieten wir als Lösung bis heute überwiegend nur das Einpacken mit geschäumten Kunststoffen an. Das mag nachhaltiges Bauen sein, aber dauerhaftes Bauen, also Bauen für die kommenden Generationen, ist dies nicht, weil wir unseren Kindern mit den WDVS-Fassaden, den Sondermüll von morgen hinterlassen. Und wir zerstören dabei auch noch die Schönheit unserer Städte für immer. Aus diesem Grunde sollte der Gesetzgeber WDVS-Fassaden grundsätzlich bei Neubauten untersagen. Im Bereich des Bestandes muss die Wissenschaft die Lösungen für die Ertüchtigung unseres Gebäudebestandes aber erst erarbeiten. Sie steht hier noch am Anfang.

Outlook: Herr Prof. Hegger, welche Rolle spielen Architekten (und Stadtplaner) in diesem komplexen Handlungsfeld – heute und künftig?

Prof. Manfred Hegger Architekten orchestrieren das Planungsgeschehen. Weil ihnen diese koordinierende Rolle, die Zuständigkeit für das Ganze zufällt, sehen viele von ihnen in der Nachhaltigkeitsdebatte eine zusätzliche Anforderung oder gar den Einstieg in eine weitere Fachplanung, die sie zusätzlich in das Planungsgeschehen zu integrieren haben. Doch nachhaltig planen ist ganzheitlich planen im denkbar umfassendsten Sinne. Wir Architekten werden zunehmend feststellen, dass uns die Kriterien des nachhaltigen Planens und Bauens helfen, unsere Planung zu strukturieren. Wir bekommen damit wichtige neue Argumente an die Hand, bisher vernachlässigte Fragen zu beantworten und die Planungsergebnisse zu einer besseren Qualität zu führen.

Outlook: Wie sehen Sie das, Herr Prof. Christoph Mäckler?

Prof. Christoph Mäckler Ich gebe Herrn Hegger recht: Wir müssen beim Bau oder Umbau unserer Städte wieder ganzheitlich arbeiten. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass die Technik mit der Architektur, mit dem Städtebau, dass also die verschiedenen Wissenschaften wieder zusammenkommen, um zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen. Der Stadtplaner, der Verkehrsplaner, der Bauingenieur, der Soziologe, der Architekt, der Historiker. Sie alle bestimmen das Bauen und jeder hält seine Disziplin für die Königsdisziplin. Eine Stadt aber muss insgesamt in allen Funktionen den Bedürfnissen der dort lebenden Menschen gerecht werden.

Outlook: Stichwort Technik: Welche Rolle spielt bei der Nachhaltigkeit von Gebäuden die technische Ausstattung?

Prof. Christoph Mäckler Es ist beim Bauwerk wie bei der Stadt: Technik ist wichtig und notwendig. Nur darf Technik nicht dazu genutzt werden, planerische und bauliche Mängel auszugleichen. Ein mit viel Technik versehenes, freistehendes Niedrigenergiehaus in der Peripherie ist einer hundert Jahre alten Blockrandbebauung im Stadtinnern bezüglich seiner Energieeffizienz durchaus unterlegen, wenn die Energieaufwendungen für Erschließung und Mobilität sowie die Dauerhaftigkeit und Dichte der Bebauung mit berücksichtigt werden. Und natürlich darf die technische Gebäudeausrüstung nicht nur im Betrieb effizient sein, sondern es müssen auch der Lebenszyklus, die Herstellung und Entsorgung mit berücksichtigt werden. Der den Bauherren durch die Energieeinsparverordnung und das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz auferlegte Zwang, effiziente Technik einzubauen, ist grundsätzlich zu befürworten. Aber wir können die Technologie nicht als Selbstwert sehen, sondern sie ist immer nur ein Teil des Ganzen. Ob z.B. Photovoltaik-Paneele auf Dächern aufgrund von Nachhaltigkeits- bzw. Effizienzüberlegungen angebracht werden, oder wegen der (nicht ´mal mehr so hohen) Einspeisevergütung bleibt zumindest fraglich.

Prof. Manfred Hegger
Die technische Gebäudeausstattung spielt eine ganz entscheidende Rolle; bei den Komfortansprüchen, die wir heute haben, werden wir ohne Technik nicht auskommen. Aber viel ist nicht gleich gut, wie ja Herr Mäckler schon verdeutlicht hat. Bauherren und Architekten sehen sich vielfach in einem Zielkonflikt: Oft wird eine Verbesserung der Gebäudeperformance von Experten auf diesem Gebiet mit mehr Technik beantwortet. Häufig sind damit Fragen und Risiken verbunden: Sind die Teilsysteme sinnvoll und gut aufeinander abgestimmt? Ist ihr Zusammenspiel vom Nutzer oder den Betreibern des Gebäudes beherrschbar? Sind sie wartungsfreundlich und langlebig? Als Treuhänder des Bauherrn muss der Architekt hierzu die richtigen Fragen stellen und Vorschläge bewerten können. Komplizierte Gebäudetechnik kann dazu führen, dass die Grenzen der Übersichtlichkeit und Bedienbarkeit schnell erreicht sind. Damit ist keinem geholfen, auch der Umwelt nicht. Die Kunst liegt häufig im Weglassen. Ein energieeffizienter Gebäudeentwurf und eine vernünftig gestaltete Gebäudehülle helfen, Technik zu vereinfachen und damit zu einem insgesamt robusten Gebäude zu kommen. Es mag Sie jetzt vielleicht überraschen, aber ich gehe davon aus, dass die Technik weniger wird und nicht mehr – jedenfalls, dass sie unsichtbarer wird und einfacher.

Outlook: Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) deren Präsident Sie sind, Herr Prof. Hegger, ist seit einiger Zeit auch jenseits unserer nationalen Grenze aktiv. Was ist Ihre Erfahrung: Gibt es nationale Unterschiede in der Haltung zur und der Umsetzung von nachhaltigem Bauen?

Prof. Manfred Hegger Die UIA (Union Internationale des Architectes – Internationale Architektenvereinigung) hat hierzu gerade eine Umfrage unter ihren mehr als 100 Mitgliedsorganisationen weltweit gemacht. Das Ergebnis überrascht: Unabhängig vom Entwicklungsstand einer Nation sind einhellig alle Ländervertretungen der Auffassung, das Nachhaltige Bauen spiele in der gesellschaftlichen, technischen und ökonomischen Entwicklung ihres Landes wie auch global eine zentrale Rolle. In der Umsetzung gibt es natürlich Defizite und Unterschiede von Land zu Land. Die deutschsprachigen Länder stehen hier an der Spitze. Man spricht nicht gerne darüber, dass man das selbst ist, aber international stellen wir fest, dass unsere Ansätze extrem anerkannt sind und dass wir eine Riesenchance haben, deutsche Technologie in Bezug auf Nachhaltigkeit, auf Energieeffizienz und auf CO2-Minderung international umzusetzen. Dabei ist uns bewusst: wenn wir nicht konsequent handeln, gefährden wir nicht die Zukunft unserer Erde, aber sehr wahrscheinlich unsere eigene.

Outlook: Herr Prof. Mäckler, wie sehen Sie das?

Prof. Christoph Mäckler Die Industrienationen müssen verantwortungsvoller mit der Technik des Bauens umgehen. Die Gesetzgebung zum energieeffizienten und nachhaltigen Bauen wird in den Ländern innerhalb in der EU immer mehr aneinander angepasst werden. Dabei sind die Anforderungen an ein effizientes Gebäude im Mittelmeerklima aber natürlich andere als in Finnland. Leider setzen Architekten – betrachtet man z.B. den Hochhausbau – in verschiedenen Klimazonen aber dennoch weitgehend die gleichen Fassadentypen ein. Hier gehen wir Architekten zu formal und zu designorientiert vor! Die meines Erachtens fragwürdige Effizienz dieser Glastürme kann dann nur mit einer sehr aufwändigen technischen Gebäudeausrüstung erreicht werden und nicht über die planerische Auseinandersetzung mit den örtlichen klimatischen Gegebenheiten. Aber Sie können ganz sicher sein: In fünfzig Jahren sind wir so weit, dass das Thema, das wir heute hier kontrovers diskutieren, überhaupt kein Thema mehr sein wird.

Outlook: Zum Schluss: Die zunehmende Zertifizierung bzw. Vorzertifizierung von Gebäudenachhaltigkeit hat unbestritten auch eine starke Marketingkomponente, „grüne“ Gebäude verkaufen und vermieten sich momentan sehr gut. Sehen Sie hierin nur Vorteile, wird sich das in absehbarer Zeit ändern?

Prof. Manfred Hegger Im höheren Wert, der nachhaltigen Bauten zugeschrieben wird, liegt in unserem marktgetriebenen Wirtschaftssystem eine große Chance. Sie ist ein machtvoller Treiber für die notwendige und zielgerichtete Fortentwicklung des Bauens. Sie hilft auch, marktübliche Propaganda und unbewiesene Werbeslogans abzugrenzen von ernsthaften Bemühungen. Hierzu sind gründliche Planung und Nachweise vonnöten. Die Qualitätsmerkmale unserer Bauten liegen auf verschiedenen Betrachtungsebenen, die sichtbar und nachvollziehbar gemacht werden müssen. Das wird sich wohl so schnell nicht ändern. Auch in anderen Lebensbereichen fordert schließlich „der Markt“ – seien es Nutzer, Eigentümer, Investoren – mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Qualität, Verbraucherfreundlichkeit, Effizienz und Umweltfreundlichkeit. Ich glaube, dass die Auditierung von Gebäuden, die Zertifizierung von Gebäuden ein wichtiger Punkt ist, um die Qualität nachzuweisen. Ähnlich wie in anderen Lebensbereichen wollen wir heute wissen, und auch objektiviert wissen: Ist das, was wir nutzen, was wir kaufen, was wir mieten, wirklich mit einer hohen Qualität belegt und wie sieht diese Qualität im Einzelnen aus.

Prof. Christoph Mäckler
Sie sagten es ja schon in der Einleitung zu Ihrer Frage: Die Zertifizierung von Gebäuden ist natürlich ein Marketinginstrument, um Immobilien besser verkaufen zu können. Ich halte überhaupt gar nichts von der Zertifizierung. In Europa sind wir Deutschen immer diejenigen, die Gewehr bei Fuß stehen, wenn irgendeine Verordnung kommt – und sei es die, die Banane gerade zu biegen –, wir sind die Ersten, die das nachvollziehen. Allerdings war es schon immer im Interesse eines Bauherrn oder eines späteren Nutzers, sein Gebäude effizient zu nutzen. Das ist nicht erst durch die Zertifizierung so gekommen. Und mit einer Zertifizierung nach heutigem Wissensstand sind wir in zehn Jahren nicht mehr up to date.

Outlook: Herr Prof. Hegger, Herr Prof. Mäckler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führte Christof Bodenbach.

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